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02.09.03 |
20
Jahre BTX - nicht wirklich erfolgreich
Am
2. September 1983, am Vorabend der Berliner Funkausstellung, startete
die deutsche Bundespost den deutschen Bildschirmtext, der Deutschland
(West) zu einem Volk der "Teleleser" machen sollte. Bis
1985, so die Vorgabe des insgesamt auf 200 Millionen Mark veranschlagten
Gesamtprojektes, sollte sich jeder Bundesbürger zum Ortstarif
in ein bundesweites Netz einwählen können und politische
Informationen, Fahrpläne sowie Sportnachrichten abrufen und dem
Telekauf per Schaltstern (#*) frönen können.
Der
Start des neuen BTX wurde gebührend gefeiert, weil das System
mit einer von der Bundespost entwickelten Norm für Grafikdarstellung
arbeitete, die 1981 als europäischer CEPT-Standard Nr. T/CD
6-1 festgeschrieben worden war. Im Gegensatz zu dem auf der IFA
1977 gestarteten Bildschirmtext auf Basis des britischen Viewdata-Systems
mit Prestel-Klötzchengrafik sollte das neue BTX bunt und schick
einherkommen, obwohl es den vierfachen Speicherplatz in den Endgeräten
benötigte. Die Philips-Tochter Valvo versprach, einen EUROM-Chip
(European Read Only Memory) mit einem integrierten Zeichengenerator
für alle 520 CEPT-Zeichen zu entwickeln, der unter 25 Mark
kosten und millionenfach verbaut werden sollte.
Valvo
konnte den Entwicklungsauftrag ebenso wenig beenden wie IBM, die
die Technik der Zentralrechner liefern sollten. Big Blue hatte die
BTX-Ausschreibung vor dem Viewdata-Lieferant General Electric und
SEL mit seinem SELTEX-System gewonnen, das ein eng vermaschtes Netz
von 400 verteilten Servern vorsah, die im Stil des Arpanet gekoppelt
werden sollten. Demgegenüber propagierte IBM einen hierarchischen
Netzaufbau nach dem SNA-Prinzip mit einem Zentralrechner in Ulm,
der alle regionalen Datenbanken enthielt und reihum 50 Regionalzentren
bediente. Das IBM-System war mit 30 Millionen Mark wesentlich billiger
als SELTEX, wobei IBM vor allem dadurch gewann, dass den Inhaltsanbietern
Pfennigbeträge für BTX-Seitengebühren versprochen
wurden. IBM wollte Mehreinnahmen vor allem durch die Lizenzierung
des IBM-Protokolls EHKP (Einheitliches Kommunikations-protokoll)
erzielen, mit dem Fremdrechner an BTX angeschlossen wurden.
EDV-technisch
gesehen war der Start ein mittleres Fiasko: IBM hielt als Generalunternehmer
für den gesamten Rechnerverbund den Termin vom 2. September
nicht ein und zahlte eine Konventionalstrafe von 3,6 Millionen Mark
-- geliefert wurde im Juni 1984. In aller Eile wurden Rechner des
alten Bildschirmtext-Verbundes mit englischer Viewdata-Technik von
GEC so programmiert, dass sie den CEPT-Standard vom neuen BTX emulieren
konnten. Diese Rechner unterstützten jedoch nur wenige hundert
Teilnehmer und wären allein mit den 4200 Anmeldungen zur IFA
hoffnungslos überfordert gewesen -- für die es jedoch
nur knapp 400 BTX-Endgeräte gab. Als BTX ausgeschrieben wurde,
rechnete man euphorisch mit 40.000 Teilnehmern bis Ende 1983 und
150.000 bis Ende 1984. Das Überspringen der ersten Million
sollte bereits 1986 gelingen. Insgesamt rechnete man mit 6 Millionen
Teilnehmern, was der Zahl der Telefonanschlüsse in besser verdienenden
Haushalten und der Geschäftsanschlüsse entsprach, die
1980 bereits ein Komforttelefon bei der Post bestellt hatten.
Das
"Bürger-Informations-Netz, das unsere komplexe Welt transparenter
macht, indem es Menschen und Instituionen zusammenbringt",
so Post-minister Kurt Gescheidle im Jahre 1977, blieb weit hinter
den Erwartungen zurück. 1984 hatte BTX 20.000 Teilnehmer, Ende
1986 waren es statt der erwarteten Million ganze 60.000. Nachdem
der Chaos Computer Club im November 1984 mit einem Trick die Hamburger
Sparkasse (Haspa) um
135.000 DM geschädigt hatte, wurde sogar von der "BTX-Depression"
gesprochen. Die Hacker ließen die Haspa für jeweils 9,97
Mark 14 Stunden lang den Text "Es erfordert ein bemerkenswertes
Team, den Gilb zurückzudrängen" abrufen. Bis zur
Einbettung des BTX-Systems im Internet-Angebot von T-Online schaffte
es BTX zu keinem Zeitpunkt, aus dem deutschen Volk ein Volk der
Teleleser zu machen. Die BTX-Techniker be- griffen zu spät,
dass der Personal Computer dem BTX-Terminal weit voraus war; und
sie waren zu stark von der Technik abhängig, die IBM lieferte.
Tatsächlich war der Computerkonzern die einzige Firma, die
finanziell von
BTX profitierte -- und sei es nur dadurch, dass man aus den Erfahrungen
schnell lernte und "kostenlos" (so ein IBM-Dokument) den
nächsten Dienst entwickeln konnte, der in den USA unter dem
Namen "Prodigy" startete.
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